Innovation

Silicon Valley Backstage Tour 2015 – Ein Reisebericht

Don’t make a company, make a network. Go long on collaborative culture. Interate outside the present ecosystem. Win the people’s hearts before you win their wallets. Ignore everyone who says it is impossible.

So könnte man zusammenfassen, was uns bei rund 13 Startups und ausgewachsenen Tech Giganten im Silicon Valley mitgegeben wurde. Während einer Woche hatte Mediaschneider die Möglichkeit, die heissesten Startups, Acceleratoren, Venture Capitalists und Inkubatoren in der Bay Area zu besuchen. Dies wurde durch die hervorragenden Kontakte vor Ort der Rulebreaker Society möglich gemacht. Dabei ging es nicht um das übliche Silicon Valley Sight Seeing, sondern um das Innenleben. Wo geht was gerade ab und welche Personen ziehen die Fäden.

Tech, Tech, Tech. Das Silicon Valley hat seinen Namen mehr als verdient. Nirgendwo auf der Welt findet man eine ähnlich hohe Dichte an gut ausgebildetem Personal aus Tech, wie im Silicon Valley. Auch das wahrgenommene Tempo ist unglaublich und jeder Mensch, unter anderem jeder UBER-Fahrer, scheint mindestens ein oder mehrere Startups am Laufen zu haben. So zumindest der Eindruck von aussen.

Samsung Research America, Mountain View war unsere erste Station – und eines der Highlights. Der Chef der rund 200 Personen starken Innovations Unit erklärte während gut 70Minuten, wie Produkteentwicklungen und Business Model Challenges bei Samsung R&D ablaufen. Entwicklungszyklen dauern rund 3 Wochen. Von der Idee, bis zum funktionierenden Prototypen. Erst diese hohe Kadenz an Iterationen ermöglicht es binnen Jahresfrist mit mehreren marktreifen Handy-Modellen oder TVs in die Produktion zu gehen. Das zweite, fundamentale Learning mit mittelfristig bis langfristigem Impact auf die globale Wirtschaft dürfte sein, dass disruptive Geschäftsmodelle iterativ entwickelnde Unternehmen übertrumpfen werden. Samsung R&D übernimmt genau diese Funktion innerhalb des Samsung Konzerns, so O-Ton Samsung. Ein Konzern wie Samsung müsse seine eigenen Strukturen, Businessmodelle und Produkte pausenlos challengen und das gestandene Business wird in einem andauernden Prozess fundamental in Frage gestellt und auf Zukunftstauglichkeit überprüft. Wird das nicht inhouse gemacht, macht es eben ein Konkurrent.

Facebook, Hackerwy 1, Manlo Park. Facebook ist eine Welt für sich. Die Ausmasse sind gigantisch. 9’000 Mitarbeiter, die im Facebook-Campus leben und arbeiten. Für die Mitarbeiter gibt es Gym, Tonstudio, Zahnärzte, BBQ-Restaurants, Kinos, Sweet Stores, diverse Restaurants, Bike Shop usw. gratis, alles und immer alles verfügbar. Nebst diesen Faktoren haben vor allem zwei Dinge imponiert: 1. Mark Zuckerberg steht jeden Freitag Nachmittag allen 9’000 Mitarbeitenden auf dem Hacker-Square in einer Q&A Session Rede und Antwort. Sprüche, die man überall findet wie „Nothing at Facebook is somebody elses problem“ werden tatsächlich gelebt. Die Feedback Kultur ist beeindruckend. 2. Strength based organisaton: In einer Schweizer Firma arbeitend kaum vorstellbar hat bei Facebook jeder Mitarbeiter jederzeit die Möglichkeit, sich bei anderen Teams zu bewerben. Macht er seinen Job gut, kann er das Team wechseln und ein Projekt übernehmen. Ressourcenplanung im eigentlichen Sinne existiert nicht, weder budgetär noch personell. Alles ist im Überfluss vorhanden. Wermutstropfen: Das ganze hat einen hochgradig religiösen Charakter.

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Airbnb HQ, San Francisco.
Der deutsche Gregor Bauser, Director Business Operations und Mitglied der Unternehmensleitung nahm sich 2 Stunden Zeit, um im „War Room“ über die Entwicklung und die Organisation von Airbnb aufzuklären. Erstaunlich offen präsentierte der schlagfertige Charismatiker welche Ziele, bzw. welches Ziel Airbnb verfolgt: Wachstum. Prozesse oder Legal-Aspekte stehen im Hintergrund. Probleme können dann gelöst werden, wenn sie auftauchen, so der Tenor. Interessanter Fakt:  Airbnb generiert einen messbar positiven Einfluss auf die Entwicklung von Randregionen in Städten. Da sich über Airbnb Wohnungen und Häuser buchen lassen, die weit ab der traditionellen Hotel-Standorte lokalisiert sind. Touristisch also eher schlecht erschlossene Stadtteile oder Regionen erleben einen wirtschaftlichen Aufschwung.

Love Nest, Palo Alto. Amazing! Das Love Nest versprüht wie kein anderer Ort die Magie des Valleys. In einer schönen Wohngegend mit überteuerten Einfamilienhäusern liegt das Love Net. Geburtsort bahnbrechender Technologien und intellektuellem Austausch. In einem Ambiente, welches dank aufgehängter Ying/Yang Tücher, Kristallen, Buddhas und Sitzkissen eher an ein ayurvedisches Camp für gestresste Manager erinnert als an einnen pulsierenden Innovation Hub, trafen wir Joel Diez. Der junge Wizzard spricht 7 Sprachen fliessend, hat Computer Science, Geschichte, Sanskrit und Chinesisch studiert. Der Sparring-Partner von Elon Musk setzt sich zurzeit intensiv mit dem Thema Block Chain auseinander. Dieses Computing-Modell liegt unter anderem der Bitcoin Technologie zugrunde und dürfte in den nächsten Jahren zur Grundlage vieler Dienstleistungen im Versicherungs- oder Finance-Bereich werden. Eines der Gebiete, auf die ich mein Geld setzen würde.  IMG_8390

Mesosphere, San Francisco. Das von deutschen Unternehmern gegründete Startup bietet ein innovatives Betriebssystem für Serverfarmen an, basierend auf OpenSource Technologie, welches erlaubt, Millionen von Servereinheiten zu bedienen, als wäre es ein einziger Computer. Simple as that. Keiner zuvor hat’s gemacht, Mesosphere tut’s. Obwohl der Markt Deutschland ebenfalls einiges an Potenzial hergibt, sahen die Unternehmer keine Möglichkeit in Deutschland an das benötigte Kapital zu kommen. In San Francisco erhielt das junge Unternehmen Zugang zu den nötigen Personalressourcen und den finanziellen Mitteln und wächst aktuell exponentiell. Eine beeindruckende Unternehmer-Geschichte mit einem simplen, aber genialen, Problem-Solving Produkt. Aktien kaufen, sobald IPO.

German Accelerator, San Francisco. Diese von der Bundesregierung finanzierte Einrichtung unterstützt deutsche Startups in den USA Fuss zu fassen. Ein Mentoren-Programm mit ausgewiesenen Experten und Enterpreneuren nimmt sich den Jungunternehmer an und trimmt diese in binnen 3 Monaten fit, so aufzutreten, dass sie für Investoren interessant werden. Eine beeindruckende und hochgradig dynamische Einrichtung. Weitere Informationen finden sich hier: http://germanaccelerator.com . Eine vergleichbare Institution mit Schweizer Hintergrund existiert bis heute leider nicht.

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Das sind nur einige wenige Highlights von der Speerspitze der Tech-Wirtschaft. Mehrere Dinners ermöglichten ausserdem, einen intensiven Austausch mit Professoren aus Stanford und Berkeley, Enterpreneuren, Exoten und Visionären zu Themen wie Artificial Intelligence, Transhumanismus, Computergestützte Autismus-Erkennung bei Säuglingen, der Zukunft von Digital Health und Cleantech zu pflegen.

Was das Silicon Valley so besonders macht, sind, nebst dem Wetter, vor allem folgende Faktoren:

Scheitern gehört zum Erfolg
Kein erfolgreicher Unternehmer ist nicht schon mal gescheitert. Hat ein Unternehmer Startups in den Sand gesetzt, wird das von VCs wohlwollend zur Kenntnis genommen. Dieser Rucksack wird nicht als Bürde, sondern als wichtige Erahrung in die nächste Unternehmung eingebracht.

Universitäre Zusammenarbeit
Aus den elite Unis Stanford und Berkeley kommen versierte, motivierte Arbeitskräfte in ein Ökosystem, welches ausschliesslich darauf ausgelegt ist, disruptive Geschäftsmodelle zu entwickeln. Viele Studierende gründen bereits während dem Studium ihr erstes Startup. Witschaft und Wissenschaft gehen eine symbiotische Beziehung ein. Mit allen Vor- und Nachteilen.

Work hard
Es dreht sich alles ums Business. Immer, ohne Ausnahme. Wer nicht Schritt hält, hat verloren. Wochenende oder Ferien sind hier ebenso ein Fremdwort wie geregelte Arbeitszeit oder soziale Sicherheit. Auf der einen Seite ist das der perfekte Nährboden für Innovation und Prosperität – auf der anderen Seite lebt jeder Mitarbeiter immer mit dem Gedanken am nächsten Tag kein Auskommen mehr zu haben.

Kapital
Nirgendwo sonst wird so viel in Startups investiert wie im Silicon Valley. Über 50 Mia. Dollar bereits in diesem Jahr. Hier treffen sich alle: Fachkompetenz, Enterpreneurship und Investoren.

Konkurrenz
Die Konkurrenz ist unglaublich gross und bildet das Rückgrat der innovations getriebenen Wirtschaft im Valley. Es ist „Survival of the fittest“ in Reinkultur. Wer glaubt, er käme im Valley leichter zu Geld als anderswo, hat das System nicht verstanden. Von 100 Startups im Valley, schafft es eines bis ganz nach oben.

Ich schliesse den Erlebnis-Bericht mit einem Blick aus der Vogelperspektive.

Das Valley ist unglaublich inspirierend, anziehend, energiegeladen und übt eine fast zwingende Magie aus. Ob der Geschwindigkeit und der Art und Weise, wie Business gemacht wird, schüttelt der Europäer ungläubig den Kopf. Doch die Medallie hat auch eine Kehrseite, nur ist die nicht ganz so offensichtlich. Nicht jeder ist für dieses System gemacht. Wir haben keinen getroffen, der auch beim 5. Startup gescheitert ist, dem bei Facebook gekündigt wurde und keinen Job mehr fand. Wir haben keinen getroffen, der sich ein Leben im überteuerten Valley nicht leisten konnte. Heruntergekommene Taxis und vielen Obdachlose sind ein Anhaltspunkt, dass es eben nicht allen gut geht. Ob diesen Menschen die neuste App für Schiff-Verkehrsoptimierung oder ein neuer 3D-Chat mit monetarisierbaren Avatar-Ausstattung beim Ernähren ihrer Familie hilft, sei dahin gestellt. Denn beispielsweise Facebook organisiert auch den Transport ihrer Mitarbeiter gleich selbst – und gratis. Das lokale Kleingewerbe bleibt aussen vor und kann nur aus der Ferne über die hohen Zäune der Techgiganten lugen und sich ausmalen, wie es ist, wenn so viel Mittel zur Verfügung stehen, einen ganzen Erholungspark auf dem Dach eines Gebäudes zu errichten.