Brand Safety

Telegram: Digitales Exil für Extremisten, die YouTube und Co. für ihre Zwecke nutzen

Seit Beginn des Lockdowns Mitte März beobachtet das Brand Safety Team von Hoy einen starken Anstieg an verschwörungsmythischen und corona-kritischen Videos auf YouTube. Diese Videos können innert Stunden zehn- oder sogar hunderttausende Views erreichen.

Um die beiden “Corona-Kritiker” Attila Hildmann und Xavier Naidoo bildet sich im deutschsprachigen Raum derzeit eine rasant wachsende Community. Ihr Basislager haben sie in der Messenger App Telegram aufgeschlagen, dort treffen sie sich in unregulierten Channels und teilen ihr Gedankengut mit Gleichgesinnten. In diesen Channels werden auch immer wieder YouTube Videos mit fragwürdigen Inhalten verlinkt. Hoy überwacht darum zahlreiche Telegram Gruppen und sperrt laufend neue YouTube Kanäle aus der Szene.

Inhaltlich überschneiden sich die Verschwörungstheorien Hildmanns, Naidoos und der kleineren Channels: sie glauben an eine geheime Weltregierung, die mittels Hygiene-Massnahmen, 5G-Netzwerken, Zwangsimpfungen und Chip-Implantaten die Menschheit im Allgemeinen und die Deutschen im Besonderen ruhigstellen, versklaven oder gleich ausrotten wollen.

Nicht selten fliesst antisemitisches und faschistisches Gedankengut in diese Theorien ein. George Soros, Milliardär und Investor mit jüdischen Wurzeln, soll der angebliche Strippenzieher dieser geheimen Weltelite sein. Seine Schattenregierung, bestehend aus Zionisten, soll unsere Welt beherrschen und die einfachen Menschen unterdrücken. Solches Gedankengut hat auf werbefinanzierten Plattformen einen schweren Stand, entsprechende Inhalte werden auf YouTube regelmässig für Werbung gesperrt oder sogar entfernt.

Screenshot aus dem Telegram Channel von Attila Hildmann. Antisemitische Hetze als Einleitung zu einem YouTube Video.

Die Ächtung dieser Inhalte auf den gängigen Plattformen zwingt die Verschwörungstheoretiker ins Exil auf Telegram. Sie müssen zudem neuen Strategien im Umgang mit YouTube und den Sozialen Medien entwickeln, da sie nicht auf die Reichweite dieser Plattformen verzichten möchten. Telegram bietet ihnen einen sicheren Hafen für die Pflege ihrer Community und die Verbreitung problematischer Inhalte, während YouTube und Facebook als Bindeglied für die Propaganda und die Rekrutierung neuer Anhänger dient. Die Sperrung von Videos und ganzen Kanälen auf YouTube wird dabei bewusst in Kauf genommen.

Die Überwachung von Meinungsführern mit einer grossen Fangemeinde ist auf YouTube und Co. relativ einfach möglich. Deutlich schwieriger ist es, wenn immer neue Kanäle ohne namhafte Followerzahlen diese Inhalte verbreiten. Das machen sich die Corona-Verschwörer zunutze: sie verbreiten die Videos über immer neue Kanäle, die kaum Follower haben und bisher nicht negativ aufgefallen sind. Viel Reichweite bekommen diese Kanäle erst über Links in Telegram, über Foren und Soziale Medien. So kann ein kleiner, bisher unbekannter YouTube Channel in wenigen Stunden plötzlich hunderttausende Views erzielen.

Ohne eigene Follower haben diese YouTube Kanälen kaum etwas zu verlieren, Sanktionen durch Google oder durch Werbetreibende wie Hoy machen ihnen nichts aus. Die Verbreitung von Videos über die eigene Nutzerbasis ist effizient und für die Meinungsmacher der Szene auch noch risikofrei. In Bezug auf Brand Safety kann das problematisch werden, sobald Werbung auf diesen kleinen Kanälen läuft.

Der Ausschluss von neuen Videos, die frisch auf YouTube veröffentlicht werden, gehört bei Hoy zum Standard. Erst nach einer automatischen Prüfung und Kategorisierung durch Google wird eine Auslieferung überhaupt zugelassen. Doch diese automatische Überprüfung funktioniert nicht immer wunschgemäss, darum kommen immer auch noch zusätzliche Filter und Brand Safety Einstellungen zum Einsatz. Ausserdem versucht Hoy problematische Kanäle zu identifizieren und proaktiv für Werbung zu sperren. Diese Bestrebungen wurden aus aktuellem Anlass intensiviert. Hoy überwacht mehrere Telegram-Gruppen aus der Szene, um neue YouTube-Kanäle aus diesem Umfeld sofort zu sperren.

Screenshot aus dem Telegram Channel von Xavier Neidoo. Der Musiker ist in den letzten Monaten durch nationalistische und Corona-kritische Äusserungen aufgefallen.

Hintergrund Telegram

Die Messenger App Telegram wächst momentan rasant und verdoppelte seit 2018 die Userzahlen auf nun über 400 Millionen. Aus einer Nischen-App für Freunde kryptographisch verschlüsselter Direktnachrichten ist ein ernstzunehmender Konkurrent für die Platzhirsche Whatsapp (2 Mia User) oder Facebook Messenger (2.6 Mia User) geworden.

Während es bei WhatsApp keine Channel-Funktion gibt und Gruppen auf 256 Mitglieder begrenzt sind, können sie bei Telegram bis zu 200.000 Mitglieder enthalten. Channels mit eingeschränkter Interaktion (die Betreiber können posten, die Follower nur lesen) können sogar unbegrenzt viele (und anonym bleibende) Follower enthalten.

Atilla Hildmann betreibt zwei separate Telegram Channel: einen als Sprachrohr für die eigene Sache (nur er und ausgewählte Personen können darin posten – die User bleiben Anonym) sowie einen weiteren Channel mit dem Namen «Demokratenchat» als Diskussionsforum für die Nutzerbasis.

Telegram-Channel Betreiber Attila Hildmann bei einer Kundgebung in Berlin, 13. Juni 2020

Dass Telegram bei solchen Gruppen künftig eingreift, dürfe unwahrscheinlich sein. Das von den russischen Brüdern Brüdern Nikolai und Pawel Durow geleitete Unternehmen ist in karibischen Steuerparadiesen registriert, arbeitet angeblich von Dubai aus und verweigert seit Jahren jegliche Einflussnahme auf die Inhalte und eine Zusammenarbeit mit Strafverfolgungsbehörden.

Umso wichtiger ist es, dass Brand Safety Teams diese Communities im Auge behalten. Die Verbreitung solcher Inhalte in werbefinanzierten Medien muss aktiv überwacht und zum Schutz der Kunden laufend gesperrt werden. Wir bleiben dran!